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Breitensport

Beginnen wir uns als Europäer mit einem Gebiet waffenloser Selbstverteidigung zu beschäftigen, dringen wir unwillkürlich mehr oder weniger in alte japanische Gesinnung und japanische Kultur ein, die uns fremdartig und faszinierend erscheint. Geschichte und Tradition sind tragende und formende Elemente, und manche Eigenart, manch  tieferer Einblick in die Wesensart einer japanischen Kriegskunst wird uns erst durch das Verständnis seiner geschichtlichen Entwicklung, seines sozialen und politischen Umfeldes

Das Konzept

Um den Begriff  'Kriegskunst' aus heutiger Sicht im Sinne der japa­nischen Kultur besser verstehen zu können, ist es notwendig zwischen zwei grundsätzlich unterschiedlichen Begriffen unterscheiden zu können: budo ("der Weg des Kampfes") und bujutsu ('Kampftechnik', auch als bugei bezeichnet).

Unter jutsu ('wahr', 'Technik') versteht man eine Kampffertigkeit, Wissenschaft oder Technik, verwurzelt in der Tradition einer bestimmten Schule (ryu), und erst nach langjährigem Training erlernbar. Der Begriff ist ursprünglich mit allen 'gewalttätigen' Kriegskünsten verbunden, ebenso wie der Begriff do allen Kriegs­künsten zugesprochen wird, die nicht für den echten Kampf ausgelegt sind.

Abgesehen von ju-jutsu beinhalten alle Kriegskünste mit dem Element jutsu auch noch den Namen der Waffe, die verwendet wird (zB. kyu-jutsu, jo-jutsu,...).

Der Affix ju im Begriff ju-jutsu kann mit 'weich', 'anpassungsfähig', 'harmonisch' oder auch 'sanft' übersetzt werden. Jedes dieser Worte trifft den Sinn aber nur teilweise. Das Konzept des ju versteht sich sowohl im mentalen wie auch im physischen Kontext; es impliziert Anpassungsfähigkeit und Geschmeidigkeit ebenso wie Geschwindigkeit und Kraft. Ganz so wie ein Bambusrohr, das dem Gewicht des Schnees nachgebend sich biegt bis die Schneelast abfällt und der Bambus sich mit mehr Kraft und Geschwindigkeit aufrichtet, als beim Biegen durch den Schnee aufgewendet wurde. Es ist das ständige Wechselspiel von Nachgeben und Widerstand, welches das Prinzip des ju ist, das im übrigen alle japanischen Kampfmethoden zu dem dynamischen System macht, das sie auszeichnet. Ju steht somit in direktem Gegensatz zum Prinzip der Kraft, Härte (go).

Damit entsprachen die Japaner voll der Gesinnung des griechischen Altertums: sich selbst zu erkennen und seinen Geist zu benutzen, um die eigenen Reaktionen und Emotionen zu zähmen, steuern und kontrollieren. Der Weg - do - ist daher eine ständige Suche nach Selbstperfektion, mit dem Ziel der geistigen Harmonie mit sich selbst und der Umwelt. In diesem Sinne könnte man das do der Japaner auch als aktiven Part des Zen interpretieren.

Das bujutsu hängt Großteils vom technischen Können ab, dieses zu erlangen geht aber nur nach dem Grundsatz: "Zu wissen und zu agieren ist ein und das selbe". Dies zu erlernen wird erreicht durch Agieren, durch ständiges Üben und nicht durch Worte. Die Aktion selbst wird optimiert durch das Schärfen der Sinne bis hin zu einem intuitiven Erkennen der Situation (kan).

Das Rationale

Ju-jutsu wurde als Kampftechnik von den bushi  während der Kamakura Periode (1185-1333) entwickelt, es war Bestandteil des bujutsu. Gedacht war diese Technik für entwaffnete Krieger, und damit waren Krieger ohne katana/Langschwert gemeint, um sich gegen den bewaffneten Feind mit allen noch zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen zu können. Im Laufe der Zeit bildeten sich verschiedene Schulen heraus, wie zB., wa-jutsu, yawara, kogusoku, kempo, hakuda oder shuhaku. Verschiedene Bewegungsabläufe und Gegentechniken wurden auch von chinesischen Kampfmethoden (shaolin-si) bzw aus Okinawa übernommen. Eine reziproke Bewegung fand übrigens, wie so oft zwischen Japan und China an der Wende des 16. zum 17. Jahrhunderts statt, wo ju-jutsu von chinesischen Diplomaten nach China exportiert wurde.

Das Axiom

            ju yoku go o sei suru (Flexibilität meistert die Härte)

wurde zum Leitsatz des ju-jutsu.

Bestimmte technische Aspekte des Kampfes waren ursprünglich beeinflußt durch das Tragen der Rüstung (katchu). Schlagtechniken (atemi) mit der bloßen Hand hätten nur zur eigenen Verletzung geführt. Es war daher logisch, daß der Nahkampf von Grifftechniken geprägt war. Atemi wurde zusätzlich, stets aber mit dem stumpfen Ende der Hauptwaffe durchgeführt.

In allen prä-Edo bujutsu Schulen der Kriegerklassen war ju-jutsu stets ein sekundäres System, den Waffengebrauch ergänzend und nur für den Notfall im Zweikampf gedacht. Ein unbewaffneter Zweikampf war selten, der klassische Krieger dieser Zeit war stets bewaffnet; selbst wenn er die Rüstung ablegte, war das Schwert sein ständiger Begleiter

In der Edo Periode (1603-1868), einem Zeitalter politischen Friedens, verbreiteten zahlreiche ju-jutsu Schulen ihre Techniken über das ganze Land. Im Laufe der Zeit verzichtete man auch auf das Tragen der Rüstung, was das Herausarbeiten differenzierterer Techniken ermöglichte, ebenso wie chinesische Kampfmethoden (insbesondere ch'uan-fa) deutliche Spuren hinterließen (ein Produkt dieses Einflusses ist Kempo).

Die Entwicklung ging im Prinzip in zwei Hauptrichtungen: Auf der einen Seite waren Schulen, die ju-jutsu im klassischen Sinne weiterführten. Meist von ronin geleitet, das waren bushi oder samurai, die keinem speziellen Herren dienten, war die Schulung im Waffengebrauch integraler Bestandteil der Techniken. Als modernes Pendant dazu, und grundsätzlich dem selben Zwecke dienend, könnte man Taiho-jutsu bezeichnen; ein System der Verteidigung und des Angriffes, 1947 von der japanischen Polizei entwickelt und in erster Linie auf dem Einsatz des Keibo (Polizeistockes) aufbauend.

Andere Schulen hingegen arbeiteten in der Edo Periode vollständig waffenlose ju-jutsu Systeme heraus; insbesondere solche, die von nicht-Kriegern gegründet worden sind, da jenen ja das Tragen von Waffen verboten war. Durch das politische Umfeld bedingt wurde die Intention des klassischen Kriegers nach einer dem echten Kampf dienlichen Kriegskunst ersetzt durch die Befriedigung in der Ausübung von Bewegungsabläufen. Der Wunsch nach Selbstschutz wurde abgelöst durch den Wunsch nach Selbstperfektion, in vielen Schulen verbunden mit einem Verlust des ganzheitlichen Gedankengut des bushido, zu dem auch ethische und moralische Tugenden gehörten. Dies gab seinerseits der Entwicklung und dem Ansehen der 'Wege des Kampfes' (budo) gehörigen Auftrieb.

Erst mit dem Niedergang der Meji Periode (1869-1912), einer Zeit wo selbst den Samurai das Tragen von Schwertern sowie die im feudalistischen Japan üblichen Stammesfehden, verboten waren, wurde ein eigener und einheitlicher Codex des ju-jutsu festgelegt: Das Grundprinzip war, den Feind mit allen zu Verfügung stehenden Mitteln und unter minimalem Kraftaufwand zu bekämpfen. Folgende Prinzipien wurden dabei als wichtig angesehen:

Man muß in der Lage sein

  • die Kraft der gegnerischen Attacke abzuschätzen und dieselbe gegen tori anzuwenden.
  • im Zuge der Konfrontation den Gegner außer Gleichgewicht zu bringen.
  • einer Attacke, wenn möglich zu entkommen
  • selbst angreifen zu können, ohne notwendigerweise toris Schwachpunkte zu erreichen.
  • einen Gegner mittels Hebelanwendungen werfen zu können.
  • einen Gegner am Boden fixieren zu können, mittels Hebel- oder Würgetechniken
  • die gegnerischen Vitalpunkte derartig schlagen zu können mit der Folge von Bewußtlosigkeit, schweren Verletzungen oder sogar Tod.

Ju-jutsu wurde ursprünglich ganz im Sinne des bushido-Codex entwickelt, mit einem klaren Verhaltenscodex als Hintergrund. Im Laufe der Zeit wurde es aber als effiziente und agressive Offensivtechnik auch von den Ninja (Agenten, von den Daimyos eingesetzt zur Spionage, Gegenspionage und subversiver Tätigkeit) und Banditen eingesetzt. Dies mag einer der Gründe für die mancherorts schlechte Reputation des ju-jutsu sein, die es bis heute nicht gänzlich verloren hat.